Forschung

Aktuelle Projekte

Bild: 123comics

Diaologreise und kollaboratives Buchprojekt:
mit Clemens Villinger und Kathrin Zöller, Die lange Geschichte der „Wende“. Geschichtswissenschaft im Dialog, Berlin (Ch.Links Verlag) erscheint im Herbst 2020

Wie haben Ostdeutsche das Ende der DDR und den Systemwechsel erlebt? Wie erinnern sie ihn heute? Diesen Fragen geht das Lese- und Fotobuch aus mehreren Perspektiven nach. Am Anfang stehen die Ergebnisse der Potsdamer Forschungsgruppe „Die lange Geschichte der ,Wende‘” und die Annahme, dass, wer das Phänomen verstehen will, erstens die Zeitebenen vor, während und nach dem Umbruch von 1989/90 miteinander verbinden und zweitens mit jenen Menschen ins Gespräch kommen muss, die diese Phasen erlebt haben. So entstand die Idee einer Dialogreise, in die im Sinne der „Citizen Science/Bürger schaffen Wissen” Zeitzeugen aktiv eingebunden wurden. Die Fotografin Clara Bahlsen und der Journalist Christian Bangel reisten als Beobachter mit. Das Buch dokumentiert in einer ungewöhnlichen Verbindung Wissenschaft, Zeitzeugen-Erinnerungen, bildender Kunst und Journalismus.

Forschungsgruppe:
Die lange Geschichte der „Wende“. Lebenswelt und Systemwechsel in Ostdeutschland vor, während und nach 1989 (2016 bis 2020, SAW-Projekt der Leibniz Gemeinschaft; Projektleitung: Kerstin Brückweh)

Die lange Geschichte der „Wende“ zielt darauf, über die Zäsur von 1989/90 hinweg den gesellschaftlichen Wandel zu rekonstruieren, der die friedliche Revolution und die anschließende Transformation ermöglicht und geprägt hat. Die Spannungen und Dynamiken ostdeutscher Lebenswelten im Systemwechsel werden von Mitte der 1970er Jahre bis zum Anfang der 2000er Jahre in vier Lokal- bzw. Mikrostudien am Beispiel des Wohnens, lokaler politischer Kultur, Bildung und Konsum untersucht. Das Projekt kombiniert klassische Quellenarbeit mit Oral History und der Sekundäranalyse von sozialwissenschaftlichen Daten. Die Befunde werden in den Kontext des Spät- und Postkommunismus in Ostmitteleuropa und anderer Transformationsgesellschaften eingebettet.

Doktoranden:

Clemens Villinger

Systemkritik und Distinktion. Ostdeutsche Konsumgesellschaft in der langen Geschichte der ,Wende‘

Warteschlange vor einer Fleischerei, Ost-Berlin 1988. Photo: Laurent Tchedry Warteschlange vor einer FleischereiCC BY-SA 3.0

Kathrin Zöller

Bildung, Leistung, Disziplin. Die ostdeutsche Schule als Lebenswelt im Umbruch

Polytechnische Oberschule, Type „Berlin 81 GT“, Februar 1984. Photo: Bundesarchiv, Bild 183-1984-0227-026 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-1984-0227-026, Berlin, Marzahn, Polytechnische Oberschule 56, EingangCC BY-SA 3.0 DE

Monografie:
Unter ostdeutschen Dächern. Wohneigentum zwischen Enteignung, Aneignung und Neuordnung der Lebenswelt

Beim Wohneigentum zeigte sich seit den 1970ern unter dem Mantel scheinbar stabiler Verhältnisse angesichts des Verfalls der Altbausubstanz ein steigender Handlungsbedarf. Damit einher ging ein staatliches Neubauprogramm, die Aufweichung von Eigentumstiteln durch politische Privilegien und die Fixierung informeller Besitzarrangements. Schon vor der Restitutionsregelung des Einigungsvertrages kam es deshalb zu Käufen und Eigentumsübertragungen. Die so entstandenen „ver­worrenen Verhältnisse“ (Grosser 1998), die weit in die DDR und sogar in den Nationalsozialismus zurückreichen, stellten Bewohner, Besitzer und Eigentümer nach 1990 vor erhebliche Herausforderungen. In diesem Projekt wird die Frage gestellt, welche Praxis sich in Bezug auf das Wohneigentum in der DDR herausbildete und wie sich das im politischen Prozess der Wiedervereinigung ausge­handelte Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ auf die Lebenswelt der Bewohner auswirkte. Zugleich wird eine lange, teilweise vergleichende Perspektive auf die Gesellschaft im Umbruch eingenommen, indem nach den Eigentumstraditionen, -politiken und -praktiken gefragt wird, die in die Regelungen einflossen und die Begegnung zwischen Bewohnern und sog. Alteigen­tümern einerseits und die Entscheidungen im Verwaltungsapparat zur Klärung offener Vermögensfragen andererseits prägten.

Weitere Arbeiten zur Eigentums- und Vermögensgeschichte:
Kerstin Brückweh, My Home Is My Castle. Immobilien und die Kulturgeschichte des Vermögens im 19. und 20. Jahrhundert, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 70 (2019) 11/12, S. 624-641.

Von einer explorativen Studie zur britischen und deutschen Geschichte ausgehend werden in diesem Aufsatz Möglichkeiten der Erforschung einer Kulturgeschichte des Vermögens vorgestellt. Als Untersuchungsgegenstand dienen Immobilien bzw. konkret das Wohneigentum. Während die Geschichte des Vermögens und der Immobilienmärkte klassischer Weise der Wirtschaftsgeschichte überlassen wurde und zur Geschichte des Wohnens vor allem sozial-, kultur- sowie stadt- und architektur­historische Arbeiten entstanden sind, wird in diesem Aufsatz dafür plädiert, neben erfahrungs- und emotionsgeschichtlichen Ansätzen sowie sozial- und migrationsgeschichtlichen Zugängen auch die Landregistrierung in eine Kulturgeschichte des Vermögens zu integrieren. So können individuelle Erfahrungen mit Analysen gesellschaftlicher Ungleichheit verbunden werden.

Israelisch-deutsche Sektion auf dem Historikertag 2021:

My Home Is Your Castle? Embattled Property form the Third Reich to the Present
(organisiert mit: Iris Nachum, The Hebrew University of Jerusalem, und Sagi Schaefer, Tel Aviv University)

Panel: German Studies Association, Portland, Oregon 2019

Homes, Memories, and Land Registries. Property Conflicts and Practices in Twentieth-Century Germany

Digitale Geschichtswissenschaft und Forschungsdatenmanagement

Sozialdaten als Quellen der Zeitgeschichte. Erstellung eines Rahmenkonzepts für eine Forschungsdateninfrastruktur in der zeithistorischen Forschung Kooperationsprojekt

Quantitative und qualitative Sozialforschung sind zum bevorzugten Mittel der Selbstbeobachtung in Industriegesellschaften geworden. Die im Forschungsprozess entstandenen Sozialdaten sind deshalb eine unverzichtbare Quelle für die zeitgeschichtliche Forschung. In den vergangenen Jahren hat innerhalb der zeitgeschichtlichen Forschung daher eine Zuwendung zu datengestützten Forschung stattgefunden. HistorikerInnen verwenden die Daten aus quantitativer und qualitativer Sozialforschung für die Beantwortung ihrer Forschungsfragen. Dabei werden die Daten aus ihren ursprünglichen Entstehungskontexten herausgelöst, kontextualisiert und (neu) ausgewertet. Typisch für die historische Vorgehensweise ist, dass dabei ganz unterschiedliche Materialien kombiniert werden (z.B. Daten, Publikationen über die Daten, Erzeugerinterviews etc.). Die Nutzung von Sozialdaten stellt die Zeithistoriker*innen allerdings für größere Herausforderungen. Erstens liegen potentiell relevante Datenbestände fragmentiert in unterschiedlichen Repositorien oder Datenzentren vor oder wurden noch gar nicht für die Forschung gesichert. Zweitens sind rechtliche Fragen bei der Nutzung der Daten noch ungeklärt. Das betrifft zum einen Fragen des Rechtseigentums und zum anderen Fragen des Datenschutzes. Drittens bedarf die Auswertung von sozialwissenschaftlichen Daten besondere Kompetenzen (z.B. Statistikkenntnisse), die nicht in den universitären Curricula der Geschichte verankert sind. Viertens gibt es derzeit kein Angebot etablierter Dateninfrastrukturen, das HistorikerInnen systematisch bei der Erschließung und Sicherung wiederentdeckter Daten unterstützt. Das vorliegende Projekt dient der Erarbeitung eines Rahmenkonzeptes für eine Dateninfrastruktur für die zeitgeschichtliche Forschung.

Monografien

Menschen zählen. Wissensproduktion durch britische Volkszählungen und Umfragen vom 19. Jahrhundert bis ins digitale Zeitalter (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London, Bd. 76), Berlin/Boston (deGruyter/Oldenbourg) 2015.

Gesellschaften und ihre Herrschaftsapparate nutzten je nach Epoche und Kontext verschiedene Methoden der Selbstbeobachtung. Im Rahmen der Verwissenschaftlichung des Sozialen entwickelten sich Umfragen ab dem 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Instrument der Produktion von Wissen über die Bevölkerung. Die Volkszählung als Urform kontinuierlicher Gesellschaftsbeobachtung bildet den Kern des Buches. Die durch sie und andere Umfragen produzierten Daten wurden in vielen Bereichen verwendet, ihre zugrunde liegenden Vorannahmen, Methoden und Arbeitsprozesse hingegen selten hinterfragt. Ziel des Buches ist es deshalb, einen Einblick in die „Fertigungshallen sozialer Fakten“ (L. Raphael) zu liefern. Ausgehend von der Überlegung, dass sozialwissenschaftliche Konstruktionen die Wahrnehmungen und Ordnungen von Gesellschaft prägen, werden am britischen Beispiel Akteure, zentrale Methoden wie Interview, Fragebogen und Gesellschaftsklassifikationen sowie konkrete Fragen nach race, ethnicity und disabilities untersucht. Das Buch verbindet Wissensgeschichte mit neuer Politikgeschichte. Denn Volkszählungsfragen konnten nicht einfach im Top-down-Verfahren vorgegeben werden, vielmehr entstanden sie im politischen Prozess, wurden im Zensusbüro formuliert und von der Bevölkerung eigenwillig beantwortet: Die Volkszählungs‚daten’ waren Ergebnis einer zirkulären Wissensproduktion. Ein zentrales Ergebnis dieser 200-jährigen Wissensgeschichte der Umfragemethoden ist die Beobachtung, dass die den Methoden zugrunde liegende Idee, dass Menschen und Gesellschaften über die Summe ihrer Daten zu bestimmen sind, und die daraus folgenden Praktiken erstaunlich stabil blieben, während sich die Akteure und ihre Forschungsinteressen ebenso veränderten wie der Staat, die Verwaltung und die Gesellschaft. Erst mit der Durchsetzung des digitalen Zeitalters zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist eine deutliche Zäsur anzusetzen. Denn jetzt besteht die Möglichkeit, die grundlegenden Methoden, nämlich den Fragebogen und das Interview, durch andere indirekte Datenerhebungen zu substituieren und somit die zirkuläre Wissensproduktion durch eine einseitige Datenerhebung zu beenden.

Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert (Historische Studien, Bd. 43), Frankfurt a.M./New York (Campus Verlag) 2006.

Serienmörder faszinieren. In Film, Fernsehen und Kriminalliteratur morden sie fast täglich, aber kriminalstatistisch sind sie nahezu bedeutungslos. Kerstin Brückweh untersucht vier Fälle von Serienmorden (Haarmann, Seefeld, Hagedorn, Bartsch) aus der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, der DDR und der Bundesrepublik. Sie zeigt, wie Nachbarn und Kollegen, Polizisten, Gutachter und Richter, Journalisten und Zeitungsleser die Täter wahrnahmen und beurteilten. Besonders auf sexuell motivierte Kindermörder entluden sich Abscheu und Hass, während zugleich in den Medien Voyeurismus und Gewaltfantasien aktiviert wurden.

Ausgezeichnet von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen mit dem Akademiepreis für Geisteswissenschaften 2009.

Forschungsschwerpunkte

deutsche, britische, europäische Geschichte (19. bis 21. Jahrhundert)

Alltags-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte

Wissensgeschichte

Geschichte der Sozialwissenschaften

Geschichte der Gewalt

Transformationsgeschichte von „1989“

Eigentums- und Vermögensgeschichte